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TAG 6, Donnerstag, 2. Juli

Fernstraße an der M51, im Motel ca. 100 Kilometer vor Novosibirsk Position: N 55?05.733 E 081?33.928

Es gilt auch kleine Erfolge zu würdigen. Ich weiß jetzt, wie spät es ist. Am Morgen war es bereits drei Stunden später als gedacht. Am Abend sind es dann insgesamt fünf Stunden, die wir der mitteleuropäischen Sommerzeit abgetrotzt haben. Ein Fernfahrer in einem Fernfahrer-Café klärte mich durch die Digitaluhr seines Handys auf. Diese Truck-Stops sind ein bestimmendes Merkmal russischer Fernstraßen. Nicht zu vergleichen mit ihren amerikanischen Pendants. Insbesondere, was die Servicefreundlichkeit des Personals wie auch die Ausstattung der sanitären Anlagen betrifft. Hier orientiert man sich eher an schnörkelloser Direktheit im persönlichen Umgang und hinsichtlich keramischer Errungenschaften aus einer längst vergangenen Zeit. Natürlich bin ich nicht an die kasachische Grenze gefahren. Ich habe ohnehin nur ein Visum, das zur zweimaligen Einreise nach Russland berechtigt. Es bleibt kühl. Drei Pullis wärmen auch nur unzureichend. Die erste Erschöpfung lässt mich schneller frieren. Auf dem Weg nach Omsk treffe ich eine ältere Fahrrad-Reisende. Sie ist Russin, und leider verstehe ich kein Wort, wohin ihre Fahrt geht. Die Landschaft ist ziemlich eintönig. Leider wird das hinter Omsk, das wir via Schnellstrasse umfahren, auch nicht besser. Im Gegenteil. Die M51 ist auf einem leicht erhöhten Wall durch das sumpfartige Gebiet getrieben worden. Kniehohes Gras und Inseln kleiner Birkenwäldchen zur Rechten wie zur Linken. Das ist alles ? über Hunderte von Kilometern. Diesen Abschnitt werde ich bei meinem Heimweg noch einmal fahren... Ich treffe mehrere Male drei junge Tschechen in einem alten Lada. Sie sind auf dem Weg zum Baikalsee. Drei Monate wollen sie unterwegs sein. Irgendwann gebe ich es auf, nach einem geeigneten Platz zum Zelten zu suchen. Das sieht alles sehr feucht und unwägbar aus. Die steten Bemühungen, die russischen Straßen noch komfortabler zu gestalten, zeigen sich in den vielen Baustellen. Statistisch gesehen müssten nach einer persönlichen, nicht repräsentativen Hochrechnung auf 100 Kilometer russische Straße 25 Kilometer Baustelle kommen. Ein Umstand, der die letzten zwei Fahrstunden bei Dunkelheit nicht gerade angenehmer machen. Etwa ein Stunde vor Novosibirsk checke ich in einem Fernfahrer-Hotel ein. Das Deluxe-Zimmer mit Dusche kostet 20 Euro. ?Deluxe? ist meines Wissens im Gastgewerbe an keine festen Standards gebunden. Wäre dem so, wären Bad und Dusche mindestens als Ordnungswidrigkeit zu ahnden. Immerhin ein Bett. Es könnte das letzte bis Ulan Bator sein. Und das sind immerhin noch etwa 3500 Kilometer. Wir beenden die Tagesetappe nach 15 Stunden und 1050 gefahrenen Kilometern auf dem Tacho. Morgen geht es an Novosibirsk vorbei ins Altai-Gebirge. Alle, die schon dort waren, schwärmen von der grandiosen Landschaft und den hervorragende Straßen. Ich bin gespannt. Unterwegs will ich Olivier aus Straßburg treffen, der die gleiche Route nur in umgekehrter Richtung fährt. Er müsste dann jetzt auch etwa auf dieser Höhe sein. Wir stehen per SMS in Kontakt. Noch rund 1000 Kilometer bis zur mongolischen Grenze. Sonnabend bis 18 Uhr muss ich dort sein. Dann macht sie dicht, und Sonntag ist Ruhetag.