TAG 5, Mittwoch, 1. Juli
Im Zelt am Stadtrand eines Ortes, den ich weder lesen noch aussprechen kann, ca. 400 KM vor Omsk, Position: N 55?05.636 E 067?06.567
Mit den Zeitzonen verhält es sich wie mit unverrückbaren Koordinaten. Man muss sie nur kennen, dann geben sie einem Struktur und Orientierung. Draußen dämmert es bereits, ich blicke auf die Uhr und dann zur Sicherheit aus dem Zelt. Zwei Uhr morgens soll es sein? Vier Stunden Schlaf und es wird schon wieder hell? Eine Stunde hatte ich die Uhr am Sonntag auf Moskauer Zeit vorgestellt. Doch seitdem hat es uns (ich spreche von der BMW und mir ? ist sonst so einsam auf Dauer) viel weiter nach Osten verschlagen. Wie spät ist es wirklich? Zum Nachdenken fehlt die Muse. Denn auf einmal wird mir schlagartig klar, warum ich so tief in meinen immerhin 2,20 Meter langen Daunenschlafsack gekrochen war. Auf dem Außenzelt hat sich eine stabile Eisschicht gebildet. Etwas frisch war es ja am Abend schon. Egal wie früh es sein mag ? wach ist wach, und wir müssen heute ein gutes Stück schaffen. Zähneklappernd mache ich mich ans Kaffeekochen, werfe im weiteren Fortgang den Wassertopf um, friere immer noch. Ein unsägliches Schauspiel, dem glücklicherweise keiner beiwohnen muss. Knapp zwei Stunden später (ja, so lange dauert das Procedere) sind Maschine und Fahrer fahrfertig und wetterfest. Das Thermometer auf dem BMW-Display, man nennt das Fahrerinformationssystem, zeigt 0,5 Grad an. Ein Knopfdruck und der Motor springt sofort lässig an. Überhaupt ist die BMW bislang ohne Tadel. Wenn ich den Ölstand richtig abgelesen habe, dann hat der Motor nicht einen erkennbaren Tropfen Schmierstoff verbraucht. Um 4 Uhr früh, wahrscheinlich ist 5 oder gar 6 Uhr, rollen wir erst über das Stoppelfeld und dann wieder auf Asphalt in den Sonneaufgang. Motorradfahrer wissen, wie sich das bei knapp über dem Gefrierpunkt anfühlt. Egal, Strecke machen. Nach etwas mehr als einer Stunde ist das Thermometer nicht wesentlich gestiegen. Erst gegen Mittag erreichen wir zweistellige Temperaturen. Es bleibt aber den ganzen Tag sehr frisch. In einem kleinen Restaurant frühstücke ich Suppe und etwas Teigartiges mit Spinatfüllung. Lecker. Der Kaffee wird offenbar stets schwarz und mit etwas Zucker serviert. Umgerechnet zwei Euro kostet so etwas. Gegen Mittag fahren wir über etwas, was wohl der Ural ist. Ein unspektakuläres Mittelgebirge, obwohl Gebirge für die laut Navigationsgerät knapp 500 Höhenmeter schon zu hoch gegriffen wäre. Ich treffe einen russischen Harley-Fahrer, der mir an der Ampel in Kargan die Hand schüttelt, und zwei deutschsprechende Russen mit Goldzahn (?Moskau-Inkasso? auf Heimaturlaub?) an einem Truck-Stopp. Ansonsten passiert an diesem Tag nicht viel und die Kilometer plätschern so dahin. Kurz vor der Dunkelheit baue ich von Mücken-Schwärmen umgeben in einem kleinen Wald das Zelt auf. Der ?Imkerhut? aus dem gut sortierten Globetrotter-Fachhandel macht sich jetzt mehr als bezahlt. Der direkte Weg noch Omsk führt laut Ausschilderung auf die wenige Kilometer entfernte Kasachstan-Grenze zu. Eigentlich müsste ich diesen östlichen Kasachen-Zipfel umfahren. Für Kasachstan bräuchte ich ein Visum, das ich natürlich nicht habe. Morgen früh wissen wir mehr. Werde wieder im Morgengrauen starten. Heute haben wir 944 Kilometer unter die Reifen genommen. Morgen sollen es bis Novosibirsk noch einmal so viele werden. P.S.: Meine Frau Monika hat heute in Berlin souverän ihre Führerschein-Prüfung bestanden. Ganz großen Glückwunsch, wir sind sehr stolz auf Dich!!






































