TAG 4, Dienstag, 30 Juni
Im Zelt am Feldrand unweit der M5, ca. 60 KM vor Ufaotel in Position: N54?39.395 E 054?39.602
Distanz erleichtert das Loslassen, hilft, das vermeintlich Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Mehr als 3000 Kilometer habe ich diesen faltbaren, vier Kilo schweren Campingstuhl schon mitgeschleppt. Stets in der Hoffnung, mich irgendwo in der Ferne darauf vortrefflich ausruhen zu können. Blödsinn. Allein das An- und Abgurten des undezenten Accessoires ist viel zu mühsam. Die Fischverkäuferin am Straßenrand ging sofort auf den Handel ein. Ein undefinierbarer geräucherter Wasserbewohner zum halben Preis und etwas Obst dazu ? und schon musste sie nicht mehr auf dem alten Holzschemel auf Kundschaft warten. Unfreiwillig hingegen trennte ich mich von meinem Spritzschutz aus Hartplastikspitzgut, der am Hinterrad befestigt ist bzw. war. Keine Ahnung, welcher erschütternde Umstand das Teil aus seiner festen Verankerung gerissen hat. Motorradfahrer sind eine sehr eigenwillige Spezies. Insbesondere, wenn sie einander im Nirgendwo begegnen. Besonders innig ist das Verhältnis aber, wenn Markengleichheit vorherrscht. Konstantin, ein junger Mann aus Jekatarinenburg, ist auf dem Weg zum Angeln 1000 Kilometer weiter südlich, als sich am Vormittag irgendwo zwischen Engels und Samara unsere Wege kreuzen. Seine gelbe BMW 1150 ist nicht zu übersehen. Wir reden nur kurz auf Englisch miteinander, denn es ist kalt, sehr windig, und die LKW brettern verdammt dicht an uns vorbei. Es stellt sich heraus: Auf dem Rückweg komme ich durch seine Heimatstadt. Klar, ich werde bei ihm vorbeischauen. Um 6 Uhr bin ich, vorbei an der immer noch brummigen Rezeptionsdame, aufgebrochen. Der Weg gen Norden rechts der Wolga entlang ist ernüchternd. Heruntergekommene Dörfer, unspektakuläre Landschaft und ein wolkenverhangener Himmel bestimmen den Vormittag. Nach etwa 300 Kilometer in Höhe der Wolgastadt Samara reißt nicht nur der Himmel auf, er erscheint auf einmal weiter, größer und präsenter als je zuvor. Ein magisches Blau oben und ein sattes Grün unten ? dieses Bild bietet sich mir auf meinem weiteren Weg gen Ost. Gegen 19.30 Uhr und nach 794 Tageskilometern suche ich mir ein Feld zum Zelten unweit der Schnellstraße M5. Jetzt höre ich zwar den Autoverkehr, doch morgen muss ich früh los und bin umso schneller wieder auf der Straße. In den letzten vier Tagen bin ich 3548 Kilometer gefahren. Noch einmal die gleiche Strecke ist es von hier bis zur mongolischen Grenze. Und dort muss ich spätestens am Sonnabend um 18 Uhr sein. Denn Sonntag ist Ruhetag an der Grenzstation. Morgen müssen also 1000 Kilometer abgespult werden ? mindestens!







































