TAG 3, Montag, 29. Juni, 23 Uhr
Im Hotel in der Stadt Engels an der Wolga, Position: N51?27.651 E 046?06.567
Das Positive an ungewohnten Nächten im Zelt ist: Man nutzt den Tag von Beginn an. Um 4 Uhr früh ist es im Osten schon erstaunlich hell, und zur Untätigkeit gibt es keinen Grund. Bis der Morgenkaffee aufgesetzt, der Blog vom letzten Tag geschrieben und vermailt, alles wieder gepackt ist, vergehen locker 2 ½ Stunden. Bis zur Grenze sind es 30 Minuten. Die Provinzpforte ins Riesenreich Russland ist ebenso unspektakulär wie heruntergekommen. Es gibt viele Schauermärchen über die Einreise. Manche sollen mit ihrem Fahrzeug schon einen ganzen Tag gewartet haben. Aber ich bin ja bestens vorbereitet und ausgestattet: mit einer - zu einem deutlich überhöhten Tarif - schon im Voraus bestellten russischen Kfz-Versicherung sowie einem ausgefüllten Einreise-Formular (ein Service der Versicherungsagentur). Den Grenzbeamten am ersten Kontrollpunkt interessieren meine Formulare nicht im Geringsten. Seine sind zwar identisch, aber da es eben seine sind, habe ich sie auch auszufüllen. In der Ecke liegt ein Schäferhund und schläft. ?Der deutsch wie Du?, sagt der Grenzer. Das Motorrad wird unter die wohlmeinende Lupe genommen. Nein, ich habe in den Koffern keine Waffen. Doch das war erst das Vorspiel. 50 Meter weiter wird es hart. Um es kurz zu machen: Knapp zwei Stunden später sind unzählige Formulare ausgefüllt, ist die für das grüne Dokument zuständige Beamtin aus ihrer 45-minütigen Frühstückspause zurück. Mit dem letzten Stempel in meine Einreisakte kann ich fahren - einfach so. Eine russische Besonderheit beim Kraftstofferwerb ist das Pre-Pay-Procedere. Also zunächst die gewünschten Liter bezahlen, und dann tankt der obligatorische Tankwart. Hier hat man nie abgeschafft, was wir in Deutschland wieder einführen. Russland scheint sich von der Ukraine in nichts Erkennbarem zu unterscheiden. Tankstellen überall, ebenso Bankautomaten, bester Mobilfunkempfang selbst auf dem flachsten Land und eine breitgefächerte Auswahl an Strassenbelagszuständen. Mehr als 120 km/h sind auch hier definitiv nicht möglich. Die Route führt über die Ortschaften Kursk und Voronezh gen Osten. Die Stadtdurchfahrten sind bei der durchgehenden Rushhour und mehr als 30 Grad im Schatten ohne Schatten eine schweißtreibende Angelegenheit. Die Landstraße zieht vorbei an Wiesen und Feldern, dann an Feldern und Wiesen. Das Auge dankt jedem Wäldchen für die Abwechslung. Auch ein Hügel wird so schnell zum landschaftlichen Hochgenuss. Es gibt weder etwas interessantes zu sehen noch zu fotografieren. Natürlich könnte man abseits der Strasse Motive finden. Die Zeit ist leider zu knapp, und der Weg scheint sich ewig zu ziehen. Mit dem 850sten Tageskilometer und 13 Stunden Reisezeit (brutto) erreiche ich Saratov an der Wolga. Eine quirlige Stadt, offenbar ohne Hotel. Jedenfalls nicht für mich. Ich finde keins. Nach einer Stunde Irrfahrt und vielen wohlgemeinten Fragen ohne Antworten überquere ich genervt die Wolga über die drei Kilometer lange Brücke zur Stadt Engels. Ein junger Motorradfahrer, vielleicht der vierte ,den ich bislang in Russland gesehen habe, lotst mich zu einer Herberge. 50 Euro für die Suite primitiv sind kein Schnäppchen, aber die Dusche ist es mindestens wert. Warum hat die strenge Dame an der Rezeption bloß so komisch geguckt?!? Rund 2700 Kilometer haben wir geschafft. Von hier aus wären es nur etwa 60 Kilometer zur kasachischen Grenze. Kasachstan! Doch wir umfahren auf dieser Tour das große Barat-Land. Morgen in aller Frühe geht?s die Wolga entlang nach Nordosten Richtung Samara. Auch ein sehr schöner Name...







































