TAG 27, Donnerstag, 23. Juli
Göhren auf Rügen, Mecklenburg-Vorpommern, 3,5 Kilometer gegangen, Position: N 54?20.485 E 013?44.052
Die eigentliche Herausforderung bei Reisen in fremde Sprach- und Schriftwelten ist mitnichten die Kommunikation und Orientierung vor Ort. Das findet sich so oder so. Viel anspruchsvoller ist es, sich in gewohnter Umgebung wieder den rhetorischen Realitäten zu stellen. Man begreift wieder ohne immer alles zu verstehen. Eine weitere Eskalationsstufe gesellt sich zu diesem Prozess hinzu, wenn man zur Hochsaison in ein deutsches Feriengebiet kommt. Beispielsweise auf Rügen, wo die sommermodische Einheit der Deutschen schon vor vielen Jahren vollzogen wurde. Ausgiebige, intensive Motorradreisen bringen mentale Entspannung. Selten hat man die Muße, bei aller gebotenen Konzentration, so mit sich allein zu sein, nachzudenken, den Alltag zu verarbeiten, Abstand zu bekommen und ? wenn man Glück hat ? manche Dinge klarer zu sehen. Was der Seele zugute kommt, geht allerdings massiv auf die Knochen. Nach 12- bis14-stündigen Fahr-Tagen am nächsten Morgen die verkrampften Finger wieder gerade zu bekommen, ist eine schmerzliche Geduldsprobe. Steigt man dann wieder aufs Bike, sind in der vertrauten Sitz- und Fahrhaltung die latenten Schmerzen in Rücken, Knien, Armen, Beinen Schultern schnell vergessen. Wird dieser Rhythmus allerdings unterbrochen, wird es arg. Alles tut weh. Oft wurde ich gefragt, wie es sich bei diesen langen Fahrten mit dem Thema Gesäßbelastung verhält. Eine berechtigte Frage. Zwar verfügt die BMW von Hause aus über eine komfortable Sitzbank, die jedoch bei derlei Extremtouren an ihre Grenzen stößt. Wir hatten vorgesorgt und uns für das speziell für Motorradsitze in den USA entwickelte, aufblasbare ?Airhawk?-Sitzkissen entschieden. Zugegeben, es fördert nicht zwingend den Abenteuer-Look, ist aber ein sehr sinnvolles Zubehör, das mir diese Reise sehr erleichtert hat. Schmerzen an der Stelle, wo man sie am ehesten vermutet, habe ich nie gehabt. Für die zweiradfachlich Interessierten dürften die Erfahrungen mit dem Fahrzeug samt Equipment interessant sein. Die BMW GS 1200 Adventure hat sich, abgesehen von dem Federbein-Desaster, bestens bewährt. Das Original-Federbein soll, sagten mir (als es zu spät war) andere Motorradreisende, bei starker Beanspruchung ein Schwachpunkt des Modells sein. Hier gibt es von zwei Herstellern Alternativen, auf die wir bei einem nächsten Ausflug dieser Art zugreifen würden. Ansonsten ist die BMW bis jetzt stets problemlos angesprungen und zeigte keine weiteren mechanischen wie elektronischen Schwächen. Selbst die größten sibirischen Schlaglöcher nahm sie souverän und war im Handling trotz des erheblichen Gesamtgewichts beweglich wie ein Mountainbike. Bemerkenswert ist der nicht messbare Öl-Verbrauch. Wir haben bisher keinen Tropfen des verwendeten Schweizer Spezial-Öls für BMW-Boxermotoren (AC Schnitzer) nachfüllen müssen. Der auf der Hinfahrt montierte grobstollige Continental-Reifen TKC 80 hinterließ auf Asphalt und Piste einen sehr guten Eindruck. Er ist für Offroad-Terrain unerlässlich und auf der Straße alltagstauglich. Der auf dem Rückweg eingesetzte Trail-Max von Dunlop überzeugte insbesondere bei guten Straßenverhältnissen, ließ sich aber auch problemlos über die zahlreichen Baustellen-Schotterstraßen fahren. Nach rund 9000 Kilometern ist der Hinterreifen nun nahezu abgefahren. Einige verbaute Zusatzelemente aus dem reichhaltigen ?Touratech?-Sortiment erwiesen sich im Praxis-Test als besonders sinnvoll. An erster Stelle ist der breitere wie längere ?Unterbodenschutz? zu erwähnen. Er hat die zahlreichen Aufsetzer und immensen Steinschläge mit Bravour gemeistert und gab ein sehr beruhigendes passives Sicherheitsgefühl. Nicht zu vergessen die Scheinwerfer-Schutzscheibe, die bei unwegsamem Gelände mit Steinschlägen sehr zu empfehlen ist. Keinerlei Probleme mit verbleitem Benzin jeglicher Qualität hatten wir dank dem vor den Original-Auspuff montierten Y-Krümmerrohr von AC Schnitzer. Ein für Fernreisen optimales Zubehör, das in Plug-and-Play-Manier perfekt passt, sich mit dem Motormanagement-System problemlos verträgt und darüber hinaus der BMW noch einen kernigen Sound verleiht. Hätten wir die originale Anlage verwendet, wäre der Katalysator nun höchstwahrscheinlich nicht mehr zu gebrauchen. Auf Rügen bekommt man an fast jeder Ecke Soljanka. Hier schließt sich auch ein kulinarischer Kreis dieser Reise. Man könnte jetzt durchaus in einem selbstlosen Selbstversuch den ultimativen Gourmet-Test machen. Kann man, muss man aber nicht...







































