TAG 25, Dienstag, 21. Juli
Landhotel an den Masurischen Seenplatte, Polen, 940 Kilometer gefahren, Position: N 53?53.010 E 021?22.013
Ludmilla weiß genau, was ich brauche. Jetzt und hier und möglichst schnell. Ihre zartrosa lackierten Fingernägel durchstreifen meinen Reisepass wie der Morgenwind das Kornfeld. Ihre stahlblauen Augen würdigen konzentriert das Dokument. Dann geht sie die Zolldeklaration durch. Ich habe diesen Zettel innerhalb von drei Wochen nun zum vierten Mal ausgefüllt. Ich kann mittlerweile die 17stellige Zulassungsnummer der BMW auswendig. Ich bin ein Profi was das Ausfüllen russischer Zollformulare betrifft. Ludmilla sieht das anders. Dort, wo ich sonst ohne jedwede Beanstandung die Motornummer eingetragen habe, soll nun der Hubraum stehen. Außerdem ist ein Kreuz beim Kästchen für die Ausfuhr verrutscht. Man könnte es durchstreichen und einfach das Korrekte daneben schreiben. Ich unterstütze meinen Willen durch ein dackelähnliches Grunzen und versuche, Ludmilla mit einem ebensolchen Blick davon zu überzeugen, mich nicht noch einmal ein ganzes Formular auszufüllen zu lassen. Sie ist hart und unerbittlich und reicht mir ein unbeschriebenes Blatt. Beim zweiten Anlauf ist alles korrekt, ich strahle sie an. Und da passiert es. Ludmilla lächelt. Sie lächelt zurück. Yes, yes, we can! Ludmilla gibt mir den Stempel, den ich brauche, kurz und trocken. Olga lächelt nicht. Sie sitzt neben Ludmilla in dem lichten Zollabfertigungscontainer und ist für die Gepäckinspektion verantwortlich. Olga ist etwa 40 Kilo leichter als Ludmilla, aber ihre Arbeit fällt ihr sichtlich schwerer. Lustloser und oberflächlicher als Olga kann man keinen Kofferraum, keinen Motorradseitenkoffer zolltechnisch untersuchen. Dealer, Hehler, Nepper, Schlepper, Bauernfänger dieser Welt ? kommt zu Olga an die russisch-lettische Grenze. Ihr werdet sie lieben. Und sie wird auch das garantiert nicht merken. Lettland findet es sichtlich sensationell, im europäischen Verbund mit Sternchen und blauen Hintergrund auftreten zu können. In Sachen Grenzabfertigung leben die Letten einen stalinistischen Habitus und eine in Russland nie erlebte Autoritätsarroganz aus. Nach einer halben Stunde Wartezeit werden wir von wessen Gnaden auch immer abgefertigt. Ein neben mit wartender Deutschrusse sagt, bei der Einreise habe er 26 Stunden warten müssen. Auf lettischer Seite stauen sich auf etwa 500 Meter die Pkw und auf zehn Kilometer die Lkw. Um sieben Uhr morgens sind wir von unseren nicht ganz so schmierigen russischen Landstraßenmotel gestartet. Dem russischen Wetterbericht hatten wir Unrecht getan. Es war tatsächlich nass, es war kalt, 300 Kilometer Fahrt durch ein landschaftliches Nichts. Nach guter einer Stunde halten wir an einem russischen Straßencafe. Es ist acht Uhr morgens, ich bin der einzige Gast, in meinem Aufzug bestimmt nicht schön, aber bestimmt außergewöhnlich. Für die Bedienung, die durch ein außergewöhnliches schwarz-blondes Strähnchenexperiment noch lange in meiner Erinnerung bleiben wird, stehe ich in biologischer Reihenfolge kapp über dem Einzeller. Einen Kaffee und einen Keks bekomme ich dennoch. Einhundert Kilometer später werde ich an einer ?Statoil?-Tankstelle mit Charme und Freundlichkeit hofiert. Russland ist in vielen Belangen ein Land der krassen Gegensätze. Verstanden habe ich die Logik, das Warum und Weshalb noch nicht. Aber genau das macht vielleicht auch den Reiz aus. In Russland war jeder Tag unberechenbar. Abenteuer klingt zu hochtrabend. Irgendetwas, im Positiven wie im Nervigen, passierte immer. Wir verlassen Russland weder mit Wehmut noch mit Erleichterung. Das ist alles sehr ambivalent. Lettland empfängt uns gemächlich. So kann es in Schweden vor vielleicht 40 Jahren ausgesehen haben. Die ursprünglich geplante Route über kleine, auf der Landkarte gelb eingezeichnete Landestrassen ist noch 300 Metern gestrichen. Das sind bessere Sandwege mit harten Bodenwellen. Wir nehmen die Hauptstraße. An einem martialischen Weltkriegsdenkmal will ich ein Foto machen, als zwei junge Polen auf ihren Africa Twins (das ist ein seit Jahren nicht mehr gebautes Motorrad-Modell von Honda, das nahezu ebensolche Fernreisequalitäten wie die BMW aufweist) halten und voller Begeisterung Fotos machen. Sie sind aus der Nähe von Warschau auf dem Weg nach Murmansk Nach zwei Stunden sind wir in Litauen. Litauen ist voller Anmut! Litauen ist das Dänemark des Ostens. Grün, gewellter als das Original, strukturiert und modern. Beste Straßen und auch sonst mit latent schlechtem Wetter gesegnet. Die Holzhäuser sind im skandinavischen Stil gebaut (oder sind die Häuser in Skandinavien im baltischen Stil gebaut?). Storchennester überall. Am Straßenrand steigen immer wieder Störche auf. Was für ein ?erhebender? Anblick?. Die Grenze nach Polen ist keine mehr. Man rollt durch und an den früheren Abfertigungsgebäuden im ?Dreilinden-Stil? vorbei. Nach Polen zu kommen ist plötzlich wie nach Hause zu kommen. Es verströmt Sicherheit und Vertrautheit. Bei einem kurzen Halt sprechen mich Alzja und Dieter Hagedorn aus Bremen an. Sie leben ein halbes hier an der Masurischen Seenplatte und den Rest des Jahres an der Weser. Hund ?Ivan? ist ihnen gestern zugelaufen. Sie werden ihn behalten. Landschaft und Straßen sind ein Traum. Nach fast 800 Tageskilometern werden wir noch einmal richtig wach und drücken die ?Kuh? ganz tief in Kurven. Die Straßenlage der voll beladenen BMW ist nach dem Trip knapp um die halbe Welt immer noch optimal. Am Straßenrand steht Pavel seiner Kawasaki und einem leeren Tank. Endlich macht der Reservekanister, den ich seit Wochen mit mir unnütz herum fahre, Sinn. Ich fahre zur nächsten Zapfsäule, Pavel besteht darauf, mir Zloty dafür zu geben. Alles gut. Als die Sonne fast in einem der tausend Seen plumpst, finden wir Quartier. Im Landhotel sind nur deutsche Gäste, wir zahlen 17 Euro für ein Zimmer mit Seeblick und ein herausragendes Nasszellendesign. Es ist wohl ein Zeichen von Altersermattung, wenn man auf gute Badezimmer steht?. Morgen fahren wir über Danzig, Usedom nach Rügen. Dort macht meine Familie seit Sonntag Urlaub. Da wir zwei Tage früher als geplant in Ulan Bator aufgebrochen und einen Puffertag nicht beansprucht haben, liegen wir gut in der Zeit. Aber es bleibt dabei: Am Sonnabend um 16 Uhr ist Ankunft am Brandenburger Tor.







































