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TAG 24, Montag, 20. Juli

Motel 250 Kilometer westlich von Moskau Richtung litauische Grenze, ca. 600 Kilometer gefahren, Position: N 56?16.370 E 032?46.032

Ein Tief über dem Baltikum zieht langsam ostwärts und bringt deutlich kältere Luftmassen und erhöhte Niederschläge für die kommenden Tage in unsere Region. Es ist wirklich fünf vor zwölf, als wir die Stadtgrenze von Moskau aus Richtung Osten überqueren. Überschleichen ist passender. Das Verkehrsaufkommen auf den Magistralen Moskaus ist nicht erhöht, es ist ein nicht enden wollender, stinkender Lindwurm. Aus rein gesundheitlichen Gründen macht es hier keinen Sinn, mit dem Rauchen aufzuhören. Wir wollen zum Roten Platz. Wir wollen ein Beweisfoto belichten und dann wieder weg. Nichts weiter. Immer munter in die Stadt hinein, immer Richtung Westen. Bestimmt ist alles bestens ausgeschildert. Nützt mir nur nichts. Ich folge der Moskwa, finde Gorki Park nicht und pfeife mir im Gegenwind Liedgut aus den späten 80ern. Dann endlich die Kreml-Mauern, der Rote Platz. Ich parke vor der Prokosky Basilika für das obligatorische Foto. Keine zehn Sekunden, dann steht ein junger Mann in Zivil vor mit, zückt seinen Dienstausweis und stellt klar, dass ich hier nicht parken dürfe. KGB, jede Wette. Wir einigen uns auf eine Minute zwecks Fotos. Eine begeisterte argentinische Touristin wird schließlich genötigt abzudrücken. Es ist schwül in Moskau, und der Himmel ist bedeckt. Es nieselt. Es gibt keinen Grund, länger hier zu bleiben. Die Moskowiter, zumindest überproportional viele von ihnen, trachten mir eh nach dem Leben. Ihr Fahrstil ist rücksichtslos und brutal. Ich bin sehr empört und konzentriere mich auf meine schnellstmöglich straßenverkehrstechnische Assimilation. ?Hallo Partner, danke schön? kennt man hier nicht. Wäre aber mal was. Wir haben herein gefunden, also muss es auch wieder heraus gehen. Moskau ist das, was man eine Mega-City nennt. Alles drei Nummern größer als anderswo. Jedes Land hat die Hauptstadt, die es verdient. Wie beschaulich ist dagegen das so gerne große Berlin. Nach einigen Irrungen und Wirrungen finden wir schließlich die richtige, gen Riga führende Autobahn. Dreieinhalb Stunden waren wir in Moskau. Zweidreiviertel davon haben wir gebraucht, Moskau von Ost nach West zu durchqueren. Motorradfahren und Dauerregen sind wie eine schlechte Ehe. Es ist auf Dauer machbar, ist aber quälend und kostet viel mehr Kraft, als man für die Wegstrecke bei halbwegs guten Verhältnissen benötigen würde. Wir stoppen leicht genervt, weil durchnässt und eigentlich zu früh, an einem schmierigen Motel. Alles wie gehabt. Doch es geschehen noch Zeichen und Wunder. Es ist erstaunlich adrett. Man will mir eine 80 Quadratmeter große Suite für 50 Euro andrehen. Ich nehme das Arrangement für 16 Euro, bei dem man sich Dusche/WC mit einem weiteren Zimmer teilt. Es ist sauber. An der Wand hängt ein Flachbildfernseher, wie man ihn selbst in 5-Sterne Häusern selten findet. Der Brausekopf der Dusche leckt, und überhaupt ist das sanitäre Flair wie gewohnt. Die hohe Kunst der Nasszelle ist des Russen nicht. Einschub: Es gibt deutlich erkennbare Entwicklungsspielräume im russischen Sanitärhandwerk. Das betrifft nicht nur eine bündige Verlegung und Verfugung von Wand- und Bodenfliesen. Eine feste Installation von Wasserhähnen an die Keramik, die ordnungsgemäße Zuordnung von Kalt- und Warmwasserzuflüssen wie auch eine durchaus dichte Verbindung zwischen Duschschlauch und Brausekopf sind meiner Ansicht nach lösbar. Erste Ansätze hat die Branche offenbar durch eine All-in-one-Duschkabine auf den Markt gebracht. Oleg in Omsk hatte ein nagelneues Exemplar in seinem Badezimmer installiert. Leider war es nur etwa 1,80 Meter hoch. Dafür konnte man beim Bücken russisches Radio hören. Es scheint, man hat die angrenzende Parkgarage des Motels in ein Restaurant mit Tanzmöglichkeit umgebaut. Die Kellnerin hat die Aufnahmeprüfung beim kulinarischen KGB leider nicht bestanden. Für sie ist das kein Grund, mich nicht zunächst mit Nichtachtung und dann mit einer grundsätzlichen Existenzmissbilligung zu strafen. Die Frau ist jung, wir haben 2009, das kann nicht an den Nachwehen der sozialistischen Dienstleistungskultur liegen. Das ist einfach normal. Auf den bewachten Parkplatz rollt ein Konvoi aus 13 italienischen Wohnmobilen. Was machen 13 italienische Wohnmobile in dieser Gegend? Es gibt schließlich wieder Soljanka (wieder ist eine Olive drin). Die Trucker am Nebentisch essen etwas sehr leckeres vom Grill. Hätte ich auch gerne bestellt. Weiß aber nicht, wie das heißt. Außerdem wird das Bargeld knapp. Keine große Bankautomaten-Dichte in der Gegend, und wir müssen noch einmal voll tanken. Ich hätte wirklich besser Russisch lernen sollen. Aber was soll man von jemandem verlangen, der seit mehr als zehn Jahren mit einer Tschechin verheiratet ist, und dessen Sprachkenntnisse sich auf ausgewählte Positionen der Getränkekarte beschränken? Ja, das ist wirklich peinlich. Da muss man etwas tun. Am Horizont klart der Himmel auf. Der russische Wetterbericht scheint mittlerweile auf West-Standard zu sein.