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TAG 23, Sonntag, 19. Juli

in einem dieser schmierigen und völlig überteuerten Landstraßen-Motels, wo man nur bleibt, weil es schon spät und man sehr müde ist, und die Betreiber dieser Motels genau das wissen, 230 Kilometer vor Moskau, 843 Kilometer gefahren, Position: N 56?07.973 E 040?53.016

Der einzige erwähnenswerte Höhepunkt des Tages ereilte uns früh und aus dem Hinterhalt. Der Radar-Colt des etwas klein gewachsenen Verkehrspolizisten zeigte 91,3 (wohl km/h) an. Akzentfrei wiederum kam ihm ?Strafe? über die wulstigen Lippen. Keine Ahnung, was mich ritt, aber ich signalisierte ihm mehr als deutlich, dass heute noch sehr viel Geld den Besitzer wechseln wird, aber definitiv nicht zwischen uns beiden. Um meiner Botschaft Nachruck zu verleihen, nahm ich gar nicht erst den Helm ab. Zehn Minuten ließ er mich in der Morgensonne schmoren. Dann kam er mit der Handbewegung ?Vergeben und vergessen? zurück, präsentierte stolz seine Digitalkamera ? und los ging?s. Sein deutlich jüngerer Kollege musste ihn auf, neben und vor der BMW ablichten. Nur ich durfte ihn nicht fotografieren. Da war er sensibilisiert. Als wir uns mit dem zwischen Verkehrssünder und Polizist höchst möglichen herzlichen Handschlag verabschiedeten, glaubte ich für einen Moment das zu spüren, was man wohl russische Seele nennt. Was für aberwitzige, tolle Typen. Ansonsten passierte nichts. Wir spulten etwas mehr als 850 Kilometer Land- und Schnellstraßen ab. Man merkt, wieder dicht am Kernland zu sein. Häuser, Infrastruktur wirken mitteleuropäischer. Wir streifen Ikea und Obi. Man schenkt uns nicht mehr so viel Beachtung, glaube ich zu bemerken. Das Motel unserer Wahl, knapp zwei Stunden vor Moskau, wird auch in diesem Jahr keinen roten Stern für herausragende Beherbergungsqualität erhalten. Es ist deutlich weniger schmierig als das Haus gestern. Die Selbstbedienungscafeteria war bis eben noch ein Ort der Stille. Dann entlädt sich ein Reisebus, und für 20 Minuten herrscht ein Chaos wie in der Kantine von ?Russland sucht das Supertalent?. Jetzt ist es wieder ruhig.  Es gibt offenbar nichts, was nicht in eine russische Soljanka kommen darf. Heute waren sogar Oliven dabei. Soljanka kann ich mittlerweile sehr souverän mit oder ohne Sauerrahm bestellen bzw. abnicken. Für die Suppe, eine kleine Schale Räucherfisch und einen Rote-Beete-Salat zahle ich fünf Euro ? inklusive der 1-Liter-Büchse russisches Bier. Ein ganzer von Aluminium ummantelter Liter Bier ? so etwas Wertvolles produzieren sonst nur die Dänen! Büchsenbier ist und bleibt eine Errungenschaft der Zivilisation. Wer den Vertrieb von Büchsenbier durch unsinnige Gesetze erschwert, versündigt sich am Gemeinwohl. An dieser Stelle eine kleine Exkursion für das geneigte Fachpublikum, das sich für die modischen Ausstattungsdetails dieses Ausflugs interessiert. Ich trage einen Motorradanzug der Marke BMW, Typenbezeichnung ?Rallye Pro 2?. Er ist dank seiner ausgeklügelten Details wohl für diese Art von Reisen und Regionen das Optimale. Die Belüftungsreißverschlüsse sorgen selbst jenseits der 30-Grad-Marke für Kühlung. Auf das wasserdichte und wärmende Inlett ist bei Regen und Kälte Verlass. Das Taschensystem ist ausreichend und durchdacht. Was fehlt, ist eine Schmutz abweisende Funktion. Der Anzug sieht nach 15.000 Kilometern schlichtweg aus ?wie Sau?. Dazu trage ich, farblich durch bläuliche Applikationen nicht optimal unterstützt, die BMW GS-Handschuhe. Die sind wirklich geniale Sommer-Handschuhe. Super in der Passform und mit einem Kunststoff-Schutz, der das passive Sicherheitsgefühl deutlich steigert. Und selbst nach starkem Regen saugen sie sich nicht voll und bleiben angenehm im Handling. Diese Handschuhe sind mit Abstand das Beste, was ich nach 25 Motorrad-Jahren an den Händen habe. Nur damit nicht der Eindruck von Schleichwerbung entsteht: Die Muttermarke BMW hat kein Interesse an einer Unterstützung des Projekts ?Kilometer für KIINDerLEBEN? gehabt. An den Füßen kleidet mich der ?Alpinestar Tech 10?, das Top-Model unter den Enduro-Motorradstiefeln inklusive Innenschuh. Man kann ihn durchaus als klobig, massiv und schwer bezeichnen. Mit ein wenig Fantasie geht er als Skischuh durch. Auch wenn er weder atmungsaktiv ist und auch in Mailand nie positives Aufsehen erregen wird, ist auf ihn auf russischen Straßen und mongolischen Pisten Verlass. Und mit ein wenig Übung kann man mit ihm sogar die Gänge auf einem Motorrad rauf und runter schalten. Bleibt noch der Helm. Wir haben uns für die Arai Tour X-3 entschieden und nicht bereut. Der erste Helm, der nie ansatzweise drückte. Der Helm liegt gut im Fahrtwind, ist optimal belüftet, das Visier beschlägt nicht. Auch wenn er nicht der Leiseste ist: Auf dem Kopf herrscht von Beginn der Tour an pure Freude. Nach der Werbepause geht es morgen nach Moskau. P.S.: Wir haben mehr als 16.000 Euro auf dem Spend-O-Meter. Das ist schon jetzt ein toller Erfolg, der mich richtig stolz macht. Allen, die sich bislang beteiligt haben, möchte ich meinen herzlichsten Dank aussprechen. Schaffen wir in der letzten Woche die 20.000 Euro?