TAG 22, Sonnabend, 18. Juli
In einem dieser schmierigen und völlig überteuerten Landstraßen-Motels, 250 Kilometer vor Kazan, Europa. 866 Kilometer gefahren, Position: N 55?54.398 E 052?16.004
Das mit dem Ural verhält sich in etwa wie mit dem platonischen Nachmittagsplausch, zu dem sich Barbara Schöneberger selbst eingeladen hat ? und statt ihrer steht plötzlich Sabine Christiansen in der Tür und hat Mohnkuchen mitgebracht. Der Ural ist eine über alle Maßen überschätzte, enttäuschende Nullnummer. Nicht einmal ein Holländer würde sich nach ihm umdrehen. Wie kommt es dann, dass ich mir den Ural immer als ein nur schwer einzunehmendes Gebirgsmassiv mit schneebedeckten Gipfeln, als ein Serpentineneldorado und die geologisch Maßstäbe setzende Grenze zwischen Europa und Asien vorgestellt habe? Hat ein cleverer russischer Tourismusmanager schon vor Jahrhunderten einfach etwas in die Welt gesetzt, und alle haben es geschluckt? Wir sind über den Ural gerollt wie über einen Gullydeckel. Wir sind wieder in Europa. Was nicht heißt, dass hier Dinge geschehen, die völlig normal sind in Europa. Irgendwann musste es ja passieren. Wir sind nun schon weit mehr als zehntausend Kilometer durch Russland gefahren. Gefühlt steht auf Russlands Straßen alle zehn Kilometer eine Polizeikontrolle. Die knallgelben Warnwesten der Beamten sind weit aus der Ferne sichtbar. Sie sind weder furchteinflößend, noch fördern sie die autoritäre Aura der Ordnungshüter. Sie sehen darin aus wie Willi von Biene Maja. Das sollte man ihnen mal sagen. Würde ich ja, kann aber nicht. Grundsätzlich geht es bei Verkehrskontrollen a) um Geschwindigkeit (zumeist bei Ortseinfahrten) und b) um das Überfahren der durchgezogenen Mittellinie. Ein wenig stolz bin ich schon, dass sie mich trotz Hunderter überfahrener durchgezogener Mittellinien nie erwischt haben. Ernsthaft: Ich habe einen siebten Sinn entwickelt, wo sie lauern. Natürlich konnte ich nicht ahnen, dass mir der Polizeiwagen direkt auf dem Scheitelpunkt der Hügelkuppe entgegenkommt. Eben in jenem Augenblick, als ich eben jene durchgezogene Linie munter überfahre. Es ist spät, wir sind von unzähligen Regenschauern des Tages durchweicht, wir suchen schon seit einer Stunde eine Bleibe, wir sind genervt und müde. Der Seitenstreifen wird zur Bühne, die zwei Polizisten und ich sind Laiendarsteller und Publikum zugleich. Der junge, forschere der beiden Polizisten nimmt mir den Internationalen Führerschein ab, geht damit in seinen Wagen. Streng, sehr streng fordert er mich auf, mich auf den Beifahrersitz zu setzen. Wir haben ein großes Problem. Ein sehr großes Problem? Er spricht ?Strafe? akzentfrei und kritzelt 200 Euro auf ein Stück Papier. Mein Gesichtsausdruck verzerrt, ich zucke mit den Achseln, hole die für diesen Fall bestückte Börse heraus und fuchtel mit einem Bündel Dollar-Noten vor seinem Gesicht herum. Er tut angewidert und verweist mich des Wagens. Die Botschaft ist klar: Nun muss er eine Anzeige schreiben, die Konsequenzen werden grausam sein. Nervös laufe ich vor dem Polizeiwagen herum, gebe den sterbenden und etwas massiv geratenen Schwan im völlig verschmutzten Motorradanzug. Nach gefühlten zehn Minuten ruft er mich zu sich, ich möge doch bitte mein Dollar-Bündel dezent unter den Vordersitz schieben. Gesagt getan, mein Führerschein ist wieder mein. Wir fachsimpeln im Rahmen unserer Möglichkeiten über die Leistungsdaten der BMW, wir loben die Völkerfreundschaft, geben uns herzhaft die Hand, und ich fahre davon. Genau so hat es sich zugetragen. Der russische Beamte ist zwölf Dollar und ich um eine Erfahrung reicher. Das Preis-Leistungsverhältnis erscheint mir angemessen. Ganz anders verhält es sich mit diesem schmierigen, angeranzten, eigentlich völlig unangemessenen Motelzimmer. Wer zahlt 1700 Rubel, so um die 34 Euro, für so etwas? Ich mache das und lamentiere mich wund. Und wen interessiert es? Niemanden! Dafür haben wir heute wieder reichlich wahre Völkerfreundschaft praktiziert. Ob bei der Kaffeepause am Café, beim Warten an der Baustelle oder beim Tanken ? wir erregten stets positives Aufsehen. Heute waren u. a. ehemalige in Potsdam und Gotha stationierte Soldaten dabei, Motorradfahrer und einfach nur Neugierige. Die Freude ist jedes Mal überschwänglich und der Handschlag herzlich und fest. Mich rühren diese Begegnungen. Unter den weiblichen russischen Servicekräften in der Gastronomie gibt es nach meinen nunmehr repräsentativen Erhebungen drei Kategorien. In der Minderheit ist eindeutig die freundlich lächelnde, auf einen Scherz eingehende Bedienung. Das Gros macht die stoisch die Bestellung Abarbeitende aus, die weder Freude an der Präsenz des Gastes noch an ihrem Beruf, noch an der eigenen Existenz zu haben scheint. Und dann gibt es die mit voller Überzeugung dem kulinarischen KGB dienende Thekenkraft. Wenn sie die Bestellung wiederholt, ist ihr Tonfall in Kälte und Klarheit einem kaukasischen Gebirgsbach ebenbürtig. Sie blickt durch einen hindurch, die Reichung der Speisen oder des Getränkes kommt dem Salutieren mit der Kalaschnikow gleich. Merkwürdig, dass genau diese Kategorie die mit Abstand attraktivste ist. Wir haben uns heute knapp 900 Kilometer über mehr oder minder gute Landstraßen gen Westen bewegt. Am Vormittag waren gar ein paar kleine Abstecher in an der Hauptstraße liegende Dörfer drin. Hier scheint die Uhr nicht nur langsamer zu gehen. Man glaubt, die Zeit sei vor einhundert Jahren stehen geblieben. Doch man darf die russische Landbevölkerung mitnichten unterschätzen. Sie ist in der Regel freundlich und zu einem kleinen Gespräch (was man so ?Gespräch? nennen kann) aufgelegt. Dann zieht sie wieder ihres Weges. Nur weil man hier ein wenig aus dem Rahmen fällt, ist man noch lange nichts Besonderes. Unterwegs treffe ich noch Marsjol aus Amsterdam. Sie ist allein mit einer 800er BMW in Richtung Mongolei unterwegs. Später will sie noch nach Kasachstan, Tadschikistan und was weiß ich? Und das macht wieder alles relativ. Morgen wollen wir es bis vor die Tore Moskaus schaffen. Das sind noch etwas über 1000 Kilometer. Die BMW fährt ohne ein Murren. Das muss auch mal erwähnt werden.






































