TAG 21, Freitag, 17. Juli
Hotel in Jekatarinenburg, Position: N 56?49.185 E 060?37.523
Natürlich war es naiv anzunehmen, wir hätten in den knapp drei zurückliegenden Wochen alle Spielarten der russischen Asphaltkultur erlebt. Dieser Morgen empfängt uns mit Sonne satt und Babywannen tiefen wie breiten, vertikal zur Fahrbahn verlaufenden? Spurrillen sind das nicht, eher Gräben. Wie Sumo-Ringer präsent lauern sie, einen zu Boden zu zwingen. Auch heute vergeblich. Oleg und Marina mussten recht früh raus und sich um ihr Geschäft kümmern. So war ich um 7.30 Uhr fertig bepackt, um meine 916 Kilometer lange Etappe von Omsk nach Jekatarinenburg in Angriff zu nehmen. Dass der gestrige Roadbook-Eintrag knapp und ein wenig pathetisch ausfiel, war u. a. der ?Sibirischen Krone? zu verdanken. Dabei handelt es sich nicht um einen für auswärtige Gäste bestimmten Kopfschmuck, sondern schlichtweg um die lokale Biermarke. Oleg hatte einige Flaschen besorgt, und ich tat das mir Mögliche, ihn nicht unnötig auf das Pfandgeld warten zu lassen. Die Deutschland-Geschichte von Oleg und Marina beginnt mit Marinas Mutter, Alwina Brauer. Sie lebte rund 60 Jahre in einem kleinen Dorf irgendwo zwischen Omsk und Novosibirsk. Die Dörfer in dieser Gegend könnten auch heute sofort als Kulisse für eine Neuverfilmung von Dr. Schiwago dienen. Man müsste nur die Satelliten-Schüsseln demontieren. Das Dorf war ausschließlich von Deutschen bewohnt. Man sprach deutsch, pflegte die wesentlichen Attribute der deutschen Kultur. Das deutsche Dorf habe in dieser Form schon seit 200 Jahren existiert. Die so genannten Russlanddeutschen, zum Beispiel an der Wolga und jenseits des Urals, wurden über Jahrhunderte aus den unterschiedlichsten Beweggründen dort sesshaft oder sesshaft gemacht. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs blutete das Dorf, wie viele andere auch, aus. Die plötzliche Möglichkeit, in der gelobten Bundesrepublik mit staatlicher Unterstützung ein neues Leben zu beginnen oder auch den Lebensabend zu verbringen, wurde von Unzähligen genutzt. Alwina Brauer ging 1996 als eine der letzten ihres Dorfes nach Berlin. Sie zog in die Lipschitzallee in der Gropiusstadt. Dort, wo ich meine Kindheit verbracht habe. In der Küche der Walter-Gropius-Schule verdiente sie sich etwas zur Rente hinzu. Diese Gesamtschule besuchte ich von der 1. Klasse bis zum Abitur. 2001 folgte ihre Tochter Marina mit ihrem Mann Oleg und dem damals vierjährigen Evgeniy (zu deutsch Eugen). Auch sie ziehen in die Gropiusstadt. Sie absolvieren Sprachkurse und Weiterbildungen. Der Sohn Denis wird geboren. Doch Oleg wird mit seiner beruflichen Situation nicht glücklich. Eine Perspektive, wie er sie sich vorstellt, findet er nicht. Schließlich geht er zurück nach Omsk und macht sich mit einem Lebensmittelgeschäft selbstständig. Das Geschäft läuft gut, Oleg will expandieren. Schweren Herzens verlässt auch seine Familie 2008 Berlin und folgt ihm nach Omsk. Das russische Leben ist in Gänze nur bedingt mit dem in Deutschland zu vergleichen. Am meisten scheint der zwölfjährige Eugen zu leiden. Oleg meint, in Russland kann er etwas aufbauen, in Deutschland wäre er wohl immer auf staatliche Hilfe in irgendeiner Form angewiesen. Oleg ist ein sehr stolzer Russe. Vor zwei Monaten haben sie ihre nagelneue Eigentumswohnung in einem Neubaublock am Stadtrand von Omsk bezogen. Noch stapeln sich die Umzugskartons. Das Häuser-Ensemble ähnelt dem der jungen Gropiusstadt Mitte der 60er Jahre. In Omsk werden auch heute noch Gasleitungen auf den Häuserwänden und in den Neubauwohnungen auf Putz verlegt. Russland ist eben anders. Die Fahrt nach Westen verläuft so, wie die Fahrt nach Westen seit sechs Tagen verläuft: Ein Birkenwäldchen links, ein Birkenwäldchen rechts. Ab und an eine floristische Zusammenrottung der sibirischen Sumpfdotterblume. Und: Das sibirische Dorf aus Holzhäusern mit blau lackierten Fensterläden und Gemüsegärten. Das sibirische Dorf muss nicht schöner werden. Es ist wie ein Katapult in eine andere Zeit. Ich fahre immer noch gerne durch diese Dörfer. Meteorologisch folgen wir seit nun drei Tagen dem gleichen Schema. Sonnenschein und Schäfchenwolken bis 16 Uhr. Dann folgt unwettergleicher Regen. In den letzten zwei Tagen hatte ich Glück und konnte stoppen oder ausweichen. Heute nicht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie stoisch man bei dem größten Sauwetter auf dem Motorrad geradeaus fahren kann. Wenn die Kleidung dicht hält. Als der Regen kurzzeitig sintflutartig wird, halten wir an einem schützenden Bus-Wartehaus. Kurz darauf stoppt ein Wagen, eine junge Frau springt heraus, hakt sich bei mir unter, während ihr deutlich älterer Begleiter auf dem Fahrersitz ein Foto von uns macht. Sie springt, ohne ein Wort oder einen Blick an mich zu richten, ins Auto zurück, beide düsen davon. Russland ist ein wildes Land. Als die Sonne die nassen Sachen wieder wärmt, treffe ich Sergejew aus Moskau. Er fährt das gleiche Motorrad, trägt den gleichen Motorrad-Anzug, die identischen Handschuhe. Als wir auch noch die gleiche Spiegelreflexkamera aus der Tasche ziehen, müssen wir uns vor Lachen biegen. Er ist auf dem Weg zum Baikalsee, spricht kein Englisch und schwärmt ohne Unterlass von der uns verbindenden Motorrad-Marke mit den drei Buchstaben. Als wir uns zum Abschied freudig die Hand schütteln, droht mein Zeigefinger dem Druck kurzfristig per Bruch nachgeben zu wollen. Russen geben ihrer Freude ungezügelt freien Lauf. Kurz vor Jekatarinenburg treffe ich an einer Ampel auf Maxim auf seiner einer Harley Davidson nachempfundenen und mindestens so satt klingenden Honda. Maxim hat sein Traum-Motorrad letztes Jahr bei Ebay in San Francisco ersteigert, es dort abgeholt und nach Lettland verschifft. Er zeigt mir nicht nur einen Schleichweg unter Umgehung des gigantischen Freitagabendverkehrs nach Jekatarinenburg, er führt mich auch gleich zu einem Hotel, wofür ich wohl allein Stunden gebraucht hätte. Motorradfahrer in Russland sind wie eine Brüderschaft. Das Praktische ist, man erkennt sich auf Anhieb. Morgen geht es weiter gen Westen. Von hier aus sind es noch 2000 Kilometer bis Moskau. 2000 Kilometer! Das ist die Strecke von Garmisch bis nach Kopenhagen ? und zurück. Russland ist ein so verdammt großes Land. P.S.: Auf dem Hinweg hatte ich unweit der Wolga Konstantin aus Jekatarinenburg auf seiner BMW getroffen. Er gab mir seine Telefonnummer, und ich wollte mich auf dem Rückweg melden. Konstantin hatte einen Motorradunfall und liegt in einem Moskauer Krankenhaus. Wenn ich vor seiner Entlassung in Moskau bin, werde ich ihn dort besuchen.







































