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TAG 19, Mittwoch, 15. Juli

Nennen wir es Autobahn-Cafe, kurz hinter Novosibirsk, Sibirien, 870 Kilometer gefahren, Position: N 55?02.453 E 082?22.645

Manchmal muss man einfach Glück haben. Kaum haben wir am frühen Abend den Ob bei Novosibirsk überquert, braut sich am Horizont ein Respekt einflößendes Unwetter zusammen. Tiefschwarzer Himmel, zuckende Blitze, es steuert direkt auf uns zu. Oder fahren wir direkt hinein? Fast auf die Sekunde mit dem Einsetzen des starken Regens erreichen wir eine schützende, breite Straßenbrücke. Wenn ich mich recht erinnere, ist es die erste Brücke seit fast 900 Kilometern. Die Optionen waren klar. Entweder wir fahren weiter und werden vom Blitz erschlagen oder wir werfen uns den Mücken zum Fraß vor. So harrten wir ? mit dem Helm auf dem Kopf ? unter der Brücke aus. Es war schwül, trotz der vorgerückten Stunde waren es noch um die 30 Grad. Was bleibt, ist die Frage: Wie kann es gelingen, die gemeine sibirische Landmücke auf die Liste der akut bedrohten und nicht schützenswerten Tierarten zu bringen? Eine dreiviertel Stunde später lässt der Regen nach, wir fahren weiter. Nach 450 Metern und einer scharfen Rechtskurve erreichen wir die Tankstelle, das Autobahn-Café und ein von außen recht einladend aussehendes Motel. Die Wetterlage ist weiter höchst unberechenbar. Aus meteorologischer Sicht spricht nichts dagegen, den Fahrtag nach 13 Stunden zu beenden und im dreistöckigen, von außen wirklich attraktiven Motel einzuchecken?. Sibirische Städte sind wie das Land, in dem sie liegen. Groß, riesig, in ihrer Ausdehnung unerwartet. Wähnte ich mich gestern beim Einchecken ins Hotel tatsächlich im Zentrum von Krasnoyarsk? Es muss ein Vorort gewesen sein. Spätestens als ich heute morgen nach einer halbe Stunde Stadtfahrt auf die vierspurige (pro Richtung!) Stadtautobahn von Krasnoyarsk gelangte, war es endgültig soweit, sich einzugestehen: Mit den mitteleuropäischen Dimensionen hat das hier überhaupt nichts zu tun. Wir fahren gen Westen ohne besondere Vorkommnisse. Was vorbeizieht, ist ein Trio aus Wald, Feld, Dorf. In den Pausen werden zwei mittlere Großstädte ohne nennenswerte Attribute passiert. Ein Highlight gab es dennoch. Gegen Mittag kommen uns drei weltreisetypisch bepackte Motorräder entgegen. Wir bremsen, drehen um. Das Trio, das sich als Quartett entpuppt, tut ebensolches. Drei Polen und eine Polin mittleren Alters auf zwei BMWs und einer Suzuki Richtung Mongolei. Einer spricht fließend Deutsch; und so lasse ich mich bereitwillig ausquetschen. Auch die Polen wissen nicht wirklich, was sie tun. Allein die Vorstellung, wie sich das polnische Paar zu zweit auf der BMW über die mongolischen Unwege quält?. Einen zarten Vorgeschmack werden sie in ein paar hundert Kilometern auf den Schotterwegen östlich von Kansk bekommen. Niemandem, der gen Osten aufbrach, wurde meines Wissens ein Rosengarten versprochen. Wir halten an einem Tante-Emma-Laden. Der Laden ist genau so, wie man ihn sich vorstellt, inklusive Tante Emma. Ein junges Mädchen will sich mit der BMW fotografieren lassen. Ich dränge mich mit ihr aufs Bild. Nein, ich werde in diesem Leben nie ein glühender Anhänger des touristischen Angebots entlang der russischen Schnellstraßen werden. Gewiss, im Motel-Zimmer für zehn Euro ist das Drehen um die eigene Achse kaum möglich. In dem für 20 Euro ist sogar, abgetrennt, ein WC samt Bidet und Waschbecken enthalten. Beide Varianten offerieren die auf dem Flur gelegene Duschgelegenheit. Das ist authentisch, das ist Russland. Wir wollten doch immer genauso wie die Einheimischen das Land erleben. Nicht so ein touristischer Schnickschnack, fern ab der realen Lebenskultur. Ich lasse es krachen und nehme das 20-Euro-Zimmer in Sicht- und Hörweite der Schnellstraße M 51. Gegenüber, auf der anderen Seite der Schnellstraße, gibt es im Schnellstraßen-Café etwas zu Essen und Bier. Auf Basis meiner nahezu akzentfreien russischen Sprachkenntnisse bestelle ich innerhalb von zehn Minuten an der Theke Soljanka, Brot und Bier. Die wartenden Fernfahrer hinter mir können ihren Unmut nur schwer im Zaum halten. Das Bier wird fassfrisch in eine dunkelbraune 1-Liter-Plastikflasche gezapft. Wer hat eigentlich behauptet, dass Bier aus Plastikflaschen nicht schmecken kann?! Und: Es ist ein Ammenmärchen, dass landestypische Spezialitäten im Ausland nicht deutlich besser zubereitet werden können als im Ursprungsland.