TAG 18, Dienstag, 14. Juli
Hotel in der Stadt Krasnoyarsk, Sibirien, 680 Kilometer gefahren; Position: N 56?01.465 E 093?00.424
Dient es der Larmoyanz, vergessen wir gerne. Hatten wir nach den Erfahrungen in der Mongolei nicht das Hohelied. auf die russische Strasse angestimmt?! Träumten wir nicht davon, statt durch einen Acker aus Geröll und Sand zu pflügen, über den kraterübersäten und doch berechenbaren sibirischen Asphalt zu gleiten?! Der reale Schmerz ist der Schlimmste. Was gestern war, interessiert nicht mehr. Der Morgennebel lag noch auf den Seen und Wiesen, als wir heute morgen Punkt sechs Uhr in Tulun losfuhren. Eine etwa 1000-Kilometer-Etappe hatten wir uns vorgenommen. Immer schön kontinuierlich westwärts rollen, und sonst gar nichts. Irgendwo sollte ja noch dieses unbefestigte, etwa 100 Kilometer lange Teilstück kommen. Irgendwo hinter Kansk. Und Kansk war ja noch weit. Die Ernüchterung kam bald. Härtester Grobschotter und Schlaglöcher so groß wie Medizinbälle. Und das auf nüchternen Magen. Wir kriechen voran und sind bald durch den von den entgegenkommenden Lastwagen aufquellenden Staubschweif eingenebelt. Zeit für Frühstück. In einem kleinen Cafe freuen sich drei Mädchen hinter der Theke über den komischen, schmutzigen Typen, der zwei unterschiedliche Tiergeräusche macht, um Eier mit Schinken zu bestellen ? und auch bekommt. Zwei Stunden, unzählige Dorfdurchfahrten, Schotterpassagen, gute Strasse und höchsten 100 Kilometer später, hält bei einem Tankstopp Peter aus Schöneberg neben mir. Zwei Berliner Motorräder mitten in Sibirien.. Peter ist Deutschrusse und mit seiner Kawasaki von Berlin nach Vladivostok unterwegs. Peters Vergaser ist defekt, das Motorrad saugt das Benzin nur so weg, und die schlechten Straßen machen ihm zusätzlich zu schaffen. Kurz vor dem Aufbruch meint er plötzlich, ob ich der von dem ?Kilometer-Projekt sei?..? Eine Freundin aus Berlin hatte ihm vor einigen Tagen eine SMS geschickt, dass auch ich in der Gegend unterwegs sei, und Peter möge die Augen offen halten. Es gibt keine Zufälle?. Das perfide an den nächsten zwei Fahrtstunden ist, dass sich beste Pisten und Albträume aus Geröll und Kratern fast im Minutentakt abwechseln. Unlogisch wie unerklärbar, aber sibirische Realität. Der Spaßfaktor geht gen Null, auch das weitere Kilometerabspulen ist kein Höhepunkt. Schmutzig und erschöpft fällt Zelten definitiv aus. Dusche und Bett sind angesagt.. Krasnoyarsk, eine mittlere Großstadt, ist nicht heimelig, und Hotels existieren offenbar nur im Verborgenen. Ich halte an einer Polizeistation, traktiere die jungen Beamten mit ?Otel, Otel?, bis sie mich schließlich mit Blaulicht zur nächsten Herberge leiten. Geht doch. Mittlerweile ist der Motorradanzug weder sauber noch rein. Er steht vor Straßendreck. Noch werde ich anstandslos in 4-Sterne-Häuser herein gelassen. Die Frage ist: Wie lange noch?






































