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TAG 17, Montag, 13. Juli

Im Hotel in Tulun , Sibirien, 850 Kilometer gefahren, Position: N 54?33.472 E 100?34.727

Es ist genau 10.54 Uhr, und wir werfen nach zwei Stunden Fahrt stramm nordwärts den ersten Blick auf den Baikalsee. Platt und seelenruhig liegt die Gewässerlegende vor uns. Der Baikalsee hat so eine immense Ausdehnung, hat so eine enorme Tiefe. Sprich, er sprengt alle Superlative, die ein See so haben kann. Es empfiehlt sich, die genauen Daten auf Wikipedia oder in einem handelsüblichen Lexikon nachzuschlagen. Natürlich wollen wir sogleich ans Ufer, Glückshormone aktivieren. Also von der Hauptstraße runter, ab durchs Dorf, die Bahngleise überquert und rauf auf die Wiese am Seeufer. Der Platz ist so beliebt, dass er von einem Insektenbataillon unterschiedlicher Waffengattungen frequentiert wird. Von der banalen Mücke bis zur zeigefingergroßen Schnake scheint alles zum Nahkampf angetreten zu sein. Da lasse ich doch lieber gleich meinen Helm auf. Zum Glück ist niemand in der Nähe, der dieses unwürdige Schauspiel verfolgen kann. Keine fünf Minuten später sind wir wieder auf der Hauptstraße und rollen westwärts am Baikalsee entlang. Das Seepanorama wird über einhundert Kilometer zumeist von dichtem Baumbestand verdeckt. An der Westseite des Sees steigt die Straße in Serpentinen plötzlich steil an. An der besten Kurve mit Aussicht haben sich die berühmten Fischverkäuferrinnen des legendären geräucherten Baikalfisches versammelt. Muss man die Legende verkosten? Mir liegt noch das intensiv würzige Aroma des einst gegen meinen Campingstuhl getauschten russischen Räucherfisches auf der Zunge und in der Nase. Nein, mir ist nicht nach Fisch. Die nächsten rund 80 Kilometer sind für das Motorrad ein kurvenreicher Leckerbissen. Schwarzwaldgleich schlängelt sich feinster Asphalt Richtung Irkutsk. Es macht einen Höllenspaß, sich wieder einmal im Rahmen der Möglichkeiten in die Kurven zu werfen. Irkutsk ist der normal russische Großstadtwahnsinn. Vor zwei Wochen hätte mich das noch beeindruckt und zum Schwitzen gebracht. Jetzt weiß ich: Nur der Stärke, weil Schnellere, der, der sich das Recht nimmt, wird obsiegen. Nach 20 Minuten haben wir die Stadt durchquert. Die M 53 führt uns nordwestwärts. Wer nach Westen fährt, folgt der Sonne. Das ist solange nicht zu beanstanden bis sie tief gefallen ist und einen so blendet, dass man kaum die Details der Straße wahrnehmen kann. Besonders interessant wird es ? auch zur Prüfung des eigenen Reaktionsvermögens ? wenn Milchvieh unerwartet wie unbeeindruckt die Straße kreuzt. Wir fahren, fahren und fahren. Alles ist größer, länger, überdimensionaler in Sibirien. Die Felder haben Ausmaße von vielleicht zehn Fußballfeldern. Wenn das mal reicht. Nach knapp zwölf Stunden Fahrt suchen wir uns in dem Ort Tulun, explizit nicht als Perle des Ostens zu bezeichnen, ein Hotel. Wir werden fündig. Die näheren Ausstattungsdetails der Herberge könnten bei dem einen oder anderen zur Häme führen. Das muss nicht sein. Das Motorrad parkt, von drei Schlössern gesichert, hinter dem Haus. Sollte es morgen früh noch dort sein, setzen wir die Fahrt fort. In zwei Tagen wollen wir in Novosibirsk sein. Da waren wir schon einmal.