TAG 16, Sonntag, 12. Juli
Hotel in Ulan Ude, Sibirien, Position: N 51?49.995 E 107?35.195
Entlang des 107. Längengrades gibt es für Motorradreisende zwei natürliche Feinde. Unbestritten und akzeptiert ist der russische Fernfahrer, der einem aus reinem Instinkt nach dem Leben trachtet. Der Gejagte weiß um den Umstand und stellt sich entsprechend darauf ein. Feind Nr.2, und das durchaus unerwartet, ist die Ulanbatorische Frau. Wenn sie am Steuer eines Geländewagens ihre erkennbare Überforderung durch ein Übermaß an Selbstbewusstsein zu kompensieren sucht, ist Defensive und Distanz überlebensnotwendig. In Ulan Bator fahren viele Frauen Geländewagen. Zum Verlassen des eigentlich sehr einladenden Oasis-Guesthouses gab es heute Morgen keinerlei Alternative. Ein Dutzend Wiener Erzieherinnen (und zwei Wiener Erzieher) waren am Vortag ? zwecks Selbsterfahrung in der Jurte oder was auch immer ? angereist. Nach der im Frühstücksraum basisdemokratisch im Schmähdialekt ausdiskutierten Dusch-Reihenfolge wusste ich: Jetzt oder nie. Schon um sieben Uhr am Sonntagmorgen herrscht das nackte Chaos auf der von melonentiefen Schlaglöchern reich beschenkten Ausfallstraße Ulan Bators. Am zweiten Naadam-Feiertag steht alle 500 Meter ein Verkehrspolizist. Natürlich werde ich auf meiner Fahrt gen Norden auch kontrolliert, warum auch immer. Mein Gegenüber genießt die Machtdemonstration sichtlich. Kaum haben wir die Stadtgrenze verlassen, verändern sich Atmosphäre und Landschaft. Auf einmal ist die Mongolei das, was wir immer von der Mongolei erwartet haben: satte grüne Hügel, Jurten und kleine Gehöfte wie nach ?Malen nach Zahlen? in die Landschaft gemalt. Alles macht aus der Distanz einen geordneten und organisierten Eindruck. Kein Wunder, dass bei so viel Bilderbuch-Mongolei zahlreiche Touristencamps beidseits der bestens asphaltierten Nordstraße liegen. Enjoy the simple life the comfortable way. Mongolei kann so entspannend sein. Selbst Zweihöckertiere grasen am Wegesrand. Nach etwa einer Stunde Fahrt kommen mir Mike und Dave auf ihren Motorrädern entgegen. Das Anhalten erfolgt auf beiden Seiten ohne Zögern. Die beiden 60-Jährigen sind auf ihrem dreimonatigen Weg von Sydney nach London. Sie werden über die mongolische Nordroute nach Westen fahren. Das küchenpsychologisch Interessante an solchen Begegnungen ist das blinde Verstehen und Akzeptieren eines vermeintlich Fremden von einer Sekunde zur anderen. Man teilt die gleichen Interessen, Ziele, Hoffnungen und Probleme. Und man weiß intuitiv, dass ein Stopp nur eine positive Erfahrung zur Folge haben kann. Fern des eigenen Kulturkreises und auf dem Motorrad unterwegs, sind die Schnittmengen groß und spenden eine wärmende Sicherheit. Am frühen Nachmittag erreiche ich die mongolisch-russische Grenze. Es ist heiß, ich fahre einfach an der Schlange vorbei und stelle mich auf die Pole-Position. Grenzformalitäten auf mongolischer wie auf russischer Seite sind nichts anderes als eine bürokratisch angeordnete Vergewaltigung von Lebenszeit. Formulare, Nummern, Sichtvermerke. Das Motorrad erregt wie immer Interesse, und die russische Zöllnerin vergleicht doch tatsächlich die Fahrgestellnummer. Nach etwas weniger als zwei Stunden rollen wir wieder durch Russland. Sibirien empfängt uns mit Kasernen, märkischem Sand und Kiefernwäldern. Heute soll das Live-Interview auf Radio eins zu ?Kilometer für KINDerLEBEN? in der Sendung ?Die Sonntagsfahrer? gesendet werden. Zum vereinbarten Termin fahre ich in ein kleines Dorf, setze mich windgeschützt hinter die BMW und telefoniere mit den Moderatoren. Meine Frau Monika meint später, es habe sich gut angehört. Sie kann nicht objektiv sein. Nach rund zwölf Stunden und 600 gefahrenen Kilometern suche ich mir in Ulan Ude, etwa 70 Kilometer südlich des Baikalsees ein Hotel. Die Stadt ist modern, das Hotel hat vier Sterne, das Zimmer kostet 50 Euro. Und der Parkplatzbewacher ist Potsdamer, geboren als Sohn eines russischen Soldaten ? vor etwa 30 Jahren. Er spricht einige Worte Deutsch und bekommt dabei leuchtende Augen. Wir sind 9000 Kilometer von Zuhause entfernt. Es sind solche Begegnungen, warum mich diese Reise und dieses so vielschichtige Land zunehmend berühren. Auf meinen Reisen durch die USA war das zufällig-regelmäßige Aufeinandertreffen mit ehemaligen in Deutschland stationierten Soldaten oder ihren Angehörigen völlig normal. Die ?andere Seite? dieser Normalität lerne ich erst jetzt kennen. Diese Zeilen schreibe ich übrigens in einer Sushi-Bar. Man muss bestimmt nicht bis nach Ulan Ude fahren, um halbwegs gutes Sushi zu bekommen. Es spricht aber auch nichts dagegen.







































